Montagmorgen, 9:15 Uhr. Dein Shopware-Shop läuft seit drei Monaten live, die ersten Bestellungen trudeln ein – aber im Backoffice häufen sich die Tickets: „Warum zeigt der Shop 50 Stück verfügbar, wenn das ERP nur 12 auf Lager meldet?" „Kunde hat bestellt, aber die Order ist nicht in SX.e angekommen." „Preis im Checkout weicht vom ERP ab, wer hat recht?" Willkommen in der Realität der ERP-Shop-Integration – und wenn du dafür eine erfahrene Shopware Agentur suchst, lohnt sich ein nüchterner Blick auf Aufwand und Verantwortlichkeiten. Was im Konzept elegant klang – „Daten fließen automatisch zwischen Infor SX.e und Shopware" – entpuppt sich in der Praxis als Datenprojekt mit klaren Verantwortlichkeiten, Architekturentscheidungen und vielen Stolpersteinen. Dieser Artikel zeigt dir, wie du die Integration von Infor SX.e und Shopware von Anfang an richtig angehst, welche Daten wirklich fließen müssen, wo die typischen Fallstricke lauern und wie du Overselling, Preisabweichungen und Order-Fails vermeidest.
Nicht jedes Shopware-Projekt braucht eine vollwertige ERP-Integration – und nicht jedes ERP-System ist Infor SX.e. Dieser Artikel ist für dich relevant, wenn mindestens drei dieser Aussagen zutreffen:
Wenn du ein anderes ERP nutzt (z. B. SAP, Microsoft Dynamics, Sage), sind viele Prinzipien übertragbar – aber technische Details (APIs, Datenmodell, Verfügbarkeitslogik) unterscheiden sich erheblich. Für SX.e-Nutzer ist dieser Artikel die konkreteste Hilfe, die du finden wirst.
Shopware 6 ist ein mächtiges Shopsystem mit vielen B2B-Features an Bord. Bevor du in die Integration einsteigst, solltest du verstehen, was Shopware selbst mitbringt – und wo du zwingend auf externe Daten angewiesen bist.
Shopware out-of-the-box: Diese Features brauchst du nicht zu bauen
Was du zwingend integrieren musst, wenn SX.e dein ERP ist
Shopware ist kein ERP-Ersatz. Wenn SX.e deine Wahrheit für Lager, Preise, Kunden hält, brauchst du eine belastbare Integration – keine Insellösung.
Bevor du in technische Details einsteigst, solltest du verstehen, welche Datenobjekte und Prozesse im Zentrum jeder Infor SX.e Shopware Integration stehen. Anders als bei reinen Content-Projekten geht es hier um geschäftskritische Transaktionen: Preise müssen stimmen, Verfügbarkeiten aktuell sein, Bestellungen zuverlässig ins ERP gelangen.
Produkte: Die Basis deines Katalogs
Dein Shopware-Shop lebt von guten Produktdaten. Aus Infor SX.e kommen typischerweise Artikelnummern (SKU), Bezeichnungen, Beschreibungen, Kategorien und Sortimente, Varianten (Farben, Größen, Verpackungseinheiten), Maßeinheiten, Gewichte, Abmessungen sowie Bilder, falls im ERP verwaltet.
Stolperfalle: In SX.e gibt es verschiedene Item-Typen (Standard, Kits, Non-Stock) – nicht alle sollten eins zu eins in den Shop fließen. Definiere früh im Projekt, welche Artikel-Typen du überhaupt im E-Commerce anbieten willst.
Kunden: B2B braucht mehr als eine E-Mail-Adresse
Im B2B-Kontext – und Infor SX.e ist klassischerweise ein Großhandels-ERP – reicht ein simples Kundenkonto nicht aus. Du brauchst Bill-To / Ship-To-Strukturen (Rechnungsempfänger versus Lieferadressen), Kundengruppen und kundenspezifische Konditionen, Ansprechpartner und Rollen (Einkäufer, Genehmiger) sowie die Zuordnung zu Außendienstmitarbeitern (Sales Reps), falls Shopware als Portal für betreute Kunden dienen soll.
Praxis-Tipp: Kläre früh, ob Kunden völlig autonom agieren oder ob Sales-Reps sich im Shop anmelden und „ihre" Kunden sehen sollen. Das beeinflusst die Architektur erheblich.
Preise: Wer führt, wer überschreibt?
Preislogik ist der häufigste Grund für Integrationsprobleme. In Infor SX.e gibt es Listenpreise, kundenspezifische Preise und Vertragspreise, Staffelpreise (Mengenrabatte) sowie Währungs- und Länderanpassungen. Gleichzeitig bietet Shopware eigene Preis-Mechaniken: Kundengruppen-Preise, Promotions, Rule Builder. Die Frage lautet: Wer darf den finalen Preis bestimmen? Wenn du im Shop Rabatte vergibst, aber SX.e diese nicht akzeptiert, scheitert der Order-Submit oder der Kunde erhält eine Rechnung, die nicht zum Checkout passt.
Empfehlung: Definiere eine klare Pricing-Ownership. Entweder berechnet das ERP alle Preise (auch Promotions werden dort abgebildet) und der Shop zeigt sie nur an – oder der Shop berechnet und das ERP akzeptiert Overrides. Letzteres erfordert spezielle Einstellungen in SX.e.
Verfügbarkeit: Die Kunst, „lieferbar" richtig zu definieren
Nichts frustriert Kunden mehr als falsche Bestandsanzeigen. In Infor SX.e gibt es mehrere Kennzahlen, die auf den ersten Blick ähnlich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben:
| SX.e-Begriff | Bedeutung | Relevant für Shop? |
|---|---|---|
| On Hand | Physisch im Lager vorhanden | Basis, aber nicht allein ausschlaggebend |
| Reserved | Für konkrete Aufträge reserviert | Ja – muss abgezogen werden |
| Committed | Bereits zugesagt, noch nicht ausgeliefert | Ja – muss abgezogen werden |
| Total Available Now | On Hand minus Reserved minus Committed | Hauptkennzahl für „sofort lieferbar" |
Ziel: Definiere präzise, welche Kennzahl du im Shop als „verfügbar" anzeigst. Total Available Now ist meist die richtige Wahl für „sofort lieferbar". Wenn du Multi-Warehouse nutzt, brauchst du zusätzlich eine Rollup-Logik oder ein Default-Warehouse.
Praxis-Szenario: Dein Shop zeigt „50 Stück lieferbar", weil die Integration nur On Hand abruft. Tatsächlich sind aber 38 Stück bereits Committed für andere Aufträge. Ein Kunde bestellt 20 Stück – im ERP entsteht ein Backorder, weil nur 12 wirklich frei sind. Der Kunde ist verärgert, der Support überlastet. Lösung: Nutze die korrekte Verfügbarkeitsformel und aktualisiere sie regelmäßig.
Bestellungen: Der kritischste Prozess
Wenn ein Kunde im Shopware-Checkout auf „Jetzt kaufen" klickt, muss die Bestellung sicher und vollständig in Infor SX.e ankommen. Das umfasst Positionen (Artikel, Mengen, Einheiten, Preise), Versandadresse (Ship-To), Rechnungsadresse (Bill-To), Steuern (entweder vom Shop berechnet oder per SX.e-API simuliert), Rabatte und Promotions (mit klarer Regelung, wer sie anwenden darf), Zahlungsreferenzen (Transaktions-ID aus Payment-Gateway) sowie die Web-Order-Number (eindeutige Shop-Referenz).
Fehlerquellen: API ist nicht erreichbar oder antwortet zu langsam (Timeout im Checkout), Preise oder Steuern weichen ab (ERP lehnt Order ab oder korrigiert sie), Artikel nicht mehr lieferbar (Backorder oder Fehlschlag), fehlende Pflichtfelder oder ungültige Adressen (Submit scheitert).
Lösung: Implementiere ein robustes Retry- und Queue-Konzept. Wenn der Submit im Checkout fehlschlägt, darf die Bestellung nicht verloren gehen – sie muss in einer Warteschlange landen, aus der sie manuell oder automatisch erneut versendet werden kann. Monitoring und Alerting sind hier Pflicht.
Status und Historien: Self-Service statt Supportanfragen
Nach dem Kauf wollen Kunden wissen: Wurde die Bestellung bestätigt? Wann wird geliefert? Ist die Rechnung verfügbar? In Infor SX.e durchläuft jeder Auftrag verschiedene Status (Order Entry, Pick, Pack, Ship, Invoice). Diese Statusänderungen sollten zurück in Shopware fließen, damit Kunden sie im Account sehen können.
Standard-Ansatz: Die Integration holt Order- und Invoice-History per Batch aus SX.e. Du kannst die Lookback-Days anpassen, um nur relevante Zeiträume abzurufen. Best Practice: Starte mit einem Backfill (z. B. letzte 12 Monate), aktiviere dann Delta-Updates.
Nicht jede Infor SX.e Shopware Integration ist gleich. Je nach Geschäftsmodell, Kundenbasis und Prozessanforderungen unterscheiden sich Aufwand, Architektur und Risiko erheblich. Hier drei realistische Szenarien mit groben Aufwands- und Kostenspannen:
Szenario A: MVP / Standardnah (Aufwand: 4–8 Wochen, Budget: 15.000–35.000 Euro)
Ziel: Produkte, Kunden, ausreichend aktuelle Preise und Verfügbarkeit, Bestellübertragung – ohne Sonderlogik. Typisch für B2C oder einfache B2B-Setups mit wenigen Kundengruppen, Standardsortiment, keine kundenspezifischen Preise.
Architektur: Produkte per Nightly Batch (z. B. 2 Uhr nachts), Kunden per Batch alle vier Stunden oder bei Änderung, Preise und Verfügbarkeit mit Kurzzeit-Cache (15 Minuten) plus Realtime-Fallback, Bestellungen per Submit via API mit Retry-Queue bei Fehler, Status und Historien per Batch einmal täglich.
Tools: Standard-Connector (falls verfügbar) oder Low-Code-Integrationsplattform. Risiken: Begrenzte Flexibilität bei Sonderanforderungen, Overselling-Risiko bei längeren Cache-Zeiten.
Szenario B: B2B-Portal / Prozessstark (Aufwand: 3–6 Monate, Budget: 50.000–120.000 Euro)
Ziel: Kundenspezifische Preise, Rollen und Rechte, Sortimente, gegebenenfalls Freigabeprozesse (Approvals), belastbarer Status-Rückkanal für Self-Service. Typisch für Großhandel, Distribution, technischen Handel mit festen Kundenbeziehungen und komplexen Vertragsstrukturen.
Architektur: Produkte per Batch nachts, ergänzt um kundenspezifische Sortimente, Kunden per Batch mit Bill-To/Ship-To-Logik, Sales-Rep-Zuordnung, Preise per Realtime-API (kundenspezifisch, Staffel, Vertragspreise), Cache nur für anonyme Nutzer, Verfügbarkeit Realtime, gegebenenfalls Multi-Warehouse-Rollup, Bestellungen per Submit mit erweiterten Validierungen, Payment-Integration, Freigabe-Workflow falls nötig, Status und Historien per Batch mehrmals täglich.
Tools: Individuelle Middleware (z. B. Mulesoft, Boomi, Azure Integration Services) oder stark angepasster Standard-Connector. Risiken: Komplexes Mapping (z. B. Vertragspreise versus Shop-Promotions), Performance-Engpässe bei hoher Last, aufwändiger Betrieb (Monitoring, Support).
Szenario C: Hochkritischer Checkout / Echtzeit-lastig (Aufwand: 6–12 Monate, Budget: 120.000–250.000 Euro und mehr)
Ziel: Sehr aktuelle Preise, Bestände und Steuern im Hot Path, hohe Last (viele parallele Nutzer), strenge SLAs (z. B. Checkout-Antwortzeit unter 2 Sekunden). Typisch für große B2B-Plattformen, Marktplätze oder hochfrequentierte B2C-Shops mit ERP-Integration.
Architektur: Produkte per Batch plus Event-basierte Delta-Updates, Kunden Event-basiert plus Realtime-Fallback, Preise und Verfügbarkeit mit dediziertem Caching-Layer (z. B. Redis) mit Sub-Sekunden-TTL, Realtime-API als Fallback, Bestellungen per Async Submit via Queue, separate Order-Validierungs-API vor Checkout, Status und Historien per Event-Stream oder Polling alle paar Minuten.
Tools: Microservice-Architektur, API-Gateway, Event-Streaming, hochverfügbare Middleware. Risiken: Hoher Entwicklungs- und Betriebsaufwand, Abhängigkeit von SX.e-API-Performance, Versionierungs- und Release-Management wird komplex.
Die Entscheidung „kaufen oder bauen" hängt von mehreren Faktoren ab:
| Option | Vorteile | Nachteile | Wann sinnvoll? |
|---|---|---|---|
| Standard-Connector | Schneller Start, vordefinierte Mappings, weniger Konzeptaufwand | Begrenzte Flexibilität, Sonderlogik schwer abbildbar, Vendor-Lock-in | MVP, Standardprozesse, kleine bis mittlere Datenmengen |
| Individuelle Middleware | Volle Kontrolle, Sonderlogik möglich, Performance optimierbar | Höherer Aufwand (Konzept, Entwicklung, Test, Betrieb), längere Time-to-Market | Komplexe Prozesse, hohe Last, kundenspezifische Anforderungen |
| Low-Code-Plattform | Balance zwischen Geschwindigkeit und Flexibilität, visuelle Mappings | Lizenzkosten, Performance-Grenzen bei sehr hohen Lasten | Mittlere Komplexität, häufige Änderungen, begrenztes Dev-Team |
Hinweis: Seit Januar 2023 entwickelt Optimizely (ehemals Insite) die Standard-Connectoren für Infor SX.e nicht mehr aktiv weiter – Bugfixes werden nur noch geliefert, wenn es keine Workarounds gibt. Das bedeutet: Wenn du auf den Standard-Connector setzt, musst du damit rechnen, Sonderanforderungen selbst zu entwickeln oder über Partner umzusetzen.
Ohne konkrete Preise zu nennen, lassen sich die größten Aufwandstreiber klar benennen:
Integrationsprojekte scheitern oft an unklaren Zuständigkeiten. Hier eine kompakte RACI-Logik:
| Bereich | ERP-Team | Shopware-Team / Agentur | Integrationsteam |
|---|---|---|---|
| Preis-/Bestandslogik | Verantwortlich (R) | Consultiert (C) | Informiert (I) |
| Stammdatenqualität | Verantwortlich (R) | Consultiert (C) | Informiert (I) |
| API-Endpunkte | Verantwortlich (R) | Informiert (I) | Consultiert (C) |
| UX/Checkout | Informiert (I) | Verantwortlich (R) | Consultiert (C) |
| Shop-Regeln/Flows | Informiert (I) | Verantwortlich (R) | Consultiert (C) |
| Mapping/Orchestrierung | Consultiert (C) | Consultiert (C) | Verantwortlich (R) |
| Monitoring/Alerting | Informiert (I) | Informiert (I) | Verantwortlich (R) |
| Fehlerkommunikation | Consultiert (C) | Verantwortlich (R) | Consultiert (C) |
Praxis-Tipp: Kläre diese Rollen im Kickoff und dokumentiere sie im Projektplan. Wenn später Probleme auftreten (z. B. falsche Bestände), weißt du sofort, wer zuständig ist – und vermeidest Finger-Pointing.
Jedes Integrationsprojekt birgt Risiken. Hier die vier kritischsten – und wie du sie entschärfst:
Risiko 1: Overselling
Problem: Kunde bestellt, Shop zeigt „lieferbar", aber im ERP ist nichts mehr da. Ursache: Falsche Verfügbarkeitsdefinition, veralteter Cache, fehlende Reservierung. Gegenmaßnahme: Nutze die korrekte Verfügbarkeitsformel (Total Available Now), setze kurze Cache-TTLs für Hot Paths, implementiere eine Reservierungsstrategie (z. B. Soft-Reservation im Warenkorb für 15 Minuten).
Risiko 2: Preisabweichungen
Problem: Preis im Checkout weicht von ERP-Rechnung ab. Ursache: Shop-Promotions, die SX.e nicht kennt, ERP korrigiert Preise beim Submit, zeitliche Verzögerung. Gegenmaßnahme: Definiere klare Pricing-Ownership, teste alle Rabatt-, Staffel- und Promotion-Kombinationen vor Go-live, aktiviere Override-Flags in SX.e falls nötig.
Risiko 3: Order-Fails
Problem: Bestellung wird im Shop abgeschlossen, aber kommt nie in SX.e an. Ursache: API-Timeout, Netzwerkfehler, ungültige Daten, fehlende Fehlerbehandlung. Gegenmaßnahme: Implementiere Retry-Queue mit Dead-Letter-Mechanik, Monitoring mit Alerts (z. B. Slack, E-Mail), manuelle Review-Möglichkeit für fehlgeschlagene Orders, klare Fehlermeldungen für Support.
Risiko 4: Performance im Checkout
Problem: Checkout dauert mehr als fünf Sekunden, Abbruchrate steigt. Ursache: Langsame SX.e-APIs für Preis, Steuer und Verfügbarkeit, keine Entkopplung, synchrone Calls. Gegenmaßnahme: Kurzzeit-Caching, Async-Calls wo möglich, Timeouts mit Fallback-Regeln, Performance-Tests mit realistischer Last, ERP-API-Tuning.
Du musst nicht alles auf einmal bauen. Hier das absolute Minimal-Setup für einen funktionsfähigen Infor SX.e Shopware Shop:
Mit diesem Setup kannst du in vier bis sechs Wochen live gehen – und dann iterativ erweitern (kundenspezifische Preise, Varianten, Multi-Warehouse, Self-Service-Status, Freigaben).
Wenn du eine Agentur oder einen Integrationspartner suchst, prüfe diese Punkte:
Rote Flaggen: Agentur kennt SX.e nicht, verspricht Festpreise ohne Anforderungsanalyse, bietet keinen Support nach Go-live, hat keine Referenzen in ERP-Integration.
Eine Infor SX.e Shopware Integration ist kein Plug-and-Play-Projekt – aber mit klarer Strategie, realistischer Planung und den richtigen Partnern absolut machbar. Die wichtigsten Takeaways:
Wenn du diese Prinzipien befolgst, vermeidest du die typischen Fails (Overselling, Preisabweichungen, Order-Fails, Performance-Probleme) und baust eine Integration, die skaliert, stabil läuft und deine Kunden begeistert.